Beitrag von Sascha Burkhardt aus dem Jahre 1996, erschienen in mehreren großen Tageszeitungen.
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Korsika: Land der Attentate?
"Korsika ist mit Sicherheit die schönste Insel der Welt", bestätigt die junge Französin aus der Universitätsstadt Grenoble. Um gleich hinzuzufügen: "Aber die Korsen gehen uns langsam wirklich auf die Nerven. Außerdem kosten sie uns einen Haufen Geld". Mit wenigen Worten bringt sie eine Meinung auf den Punkt, die ein Großteil der Franzosen vom Festland teilen: 51% befürworten laut der jüngsten BVA-Umfrage ein Referendum über die Unabhängigkeit Korsikas, und 42% würden sich dabei sogar für die Abtrennung aussprechen.
Diese Stimmungslage kommt nicht von ungefähr: Seit Jahren rechnen die französischen Medien den "Kontinentalen" unabläßlich vor, wie teuer dem Staat das hoch subventionierte Mittelmeer-Eiland mit seinen 11 Milliarden Francs Zuschüssen gegenüber 4 Milliarden Steuereinnahmen doch käme. Ganz abgesehen von den Sachschäden, die durch die durchschnittlich 600 Anschläge pro Jahr entstehen. Täglich erfahren die Franzosen durch kleine Zeitungsnotizen, daß wieder die Fassade eines Gendarmeriepostens mit Maschinengewehr-Salven begossen wurde oder ein leerstehender Hotelkomplex in einer Winternacht "hochgegangen" ist. Solange bei diesen Aktivitäten der korsischen Nationalisten keine unbeteiligten Menschenleben gefährdet werden und die Aktionen räumlich auf Korsika beschränkt bleiben, nehmen die Franzosen diese Ereignisse noch fast als Ausdruck lokaler Folklore hin. Doch die Autobombe von Bastia im Juli dieses Jahres und die Anschläge auf das Rathaus von Bordeaux sowie den Justizpalast und die Post von Aix zeigen deutlich, daß eine Lösung des "korsischen Problems" immer dringender wird. Ein Problem, daß schon seit über zweihundert Jahren schwelt: der französische Staat hat seit der endgültigen Einverleibung der Insel im Jahre 1768 nie so recht gewußt, wie er mit den Bewohnern des "Gebirge im Meer" umzugehen habe.
"Die vom Festland tragen der Besonderheit der korsischen Mentalität nie Rechnung", klagt der Hoteldirektor aus Calvi. "Bergbewohner sind immer eigen. Inselbewohner auch. Die Korsen sind beides..." Ganz abgesehen, daß die Insel durch ihre Lage auf einem mediterranen Knotenpunkt ständig im Kreuzfeuer der Geschichte lag: Griechen und Römer, Sarazenen und Pisaner, Genuesen und Franzosen gaben sich die Klinke in die Hand und machten aus den Korsen ein rebellisches und mißtrauisches Volk, das auf der Suche nach seiner Identität mediterrane Sitten wie Machoismus und Vendetta exzessiv pflegt.
"Was soll das, wenn der Staat eine humanistische Botschaft nach Palästina oder zum Dalai-Lama trägt, dem korsischen Volk aber gleichzeitig die Anerkennung verweigert?" , fragt der Student der Universität in Corte, die ihre Pforten erst 1981 auf Druck der Nationalisten wieder eröffnet hat. Eben diese Anerkennung und der Schutz der korsischen Landschaft und Kultur waren das Hauptanliegen der Untergrundorganisation FLNC bei ihrer Gründung Mitte der siebziger Jahre, kurz nach dem Schlüsselereignis von Aléria, als eine Handvoll bewaffneter Korsen den Weinkeller eines "Pied-Noir" besetzten. Die Männer um Edmond Siméoni wollten gegen die staatlich organisierte massive Ansiedlung der Algerien-Flüchtlinge auf korsischem Boden protestieren. Der Staat reagierte ungeschickt, ließ Panzerwagen aufrollen und trat damit die Freiheitsbewegung "gegen die Kolonialmacht" erst richtig los. Als die Separatisten der FLNC kurz darauf begannen, geplante Hotelkomplexe und andere Bausünden fast systematisch kurz vor ihrer Fertigstellung in die Luft zu jagen, jedoch nicht ohne zuvor aus Rücksicht auf Menschenleben sämtliche Beteiligte wie Bauarbeiter und Nachtwärter sanft aus dem Zielobjekt heraus zu komplementieren, stand ein Großteil der Inselbevölkerung noch geschlossen hinter den Nationalisten. Eines ihrer Ziele hat die FLNC sogar fraglos erreicht: die korsische Küste gehört im krassen Gegensatz zur verschandelten Côte d'Azur zu den unberührtesten des Mittelmeerraumes.
"Die Revolutionssteuer zahlen die Restaurants hier freiwillig", erklärt der Barbesitzer und Nationalist in Calvi stolz, und spricht damit auf die Summen an, die die Kapuzenmänner der FLNC bei kleinen und großen Unternehmen zur Finanzierung des Kampfes eintreiben. Viele zahlen mit Sicherheit freiwillig - andere aber müssen mittels geschickt plazierter Sprengsätze erst angemahnt werden. Die Kriegskasse der FLNC wurde 1990 auf umgerechnet 5 Millionen DM geschätzt - verständlich, daß so mancher der selbstlosen Kämpfer die hehren Ideale vergißt und feststellt, daß man von Erpressung auch komfortabel leben kann. Ganz zu schweigen von den Geldkoffern, die die französischen Regierungen in den letzten zwanzig Jahren im Austausch gegen einen relativen Frieden heimlich nach Korsika getragen haben sollen.
"Es ist jetzt an der Zeit, daß sich die FLNC auflöst", meint der Direktor der Handelskammer von Südkorsika, Gilbert Casanova. "Die mafiösen Umtriebe des FLNC Canal historique schützen unser Land nicht mehr". Herr Casanova weiß, wovon er spricht: er gehörte mit zum harten Kern der FLNC, bis er die Kapuze an den Nagel hing und mit einer Karriere als ehrbarer Geschäftsmann vertauschte. "Ich stehe aber dazu, was wir damals gemacht haben. Wir haben uns nie an Menschen vergriffen, immer nur an Sachen. Jetzt aber ist die Zeit für einen neuen Nationalismus mit demokratischen Mitteln gekommen", fügt er hinzu.
Er spricht dabei offen aus, was die meisten Korsen denken. Denn seit sich die FLNC über Themen wie die Revolutionssteuer heillos zerstritten und in mehrere tödlich verfeindete "Kanäle" aufgespalten hat, werden die ohnehin komplizierten insularen Verhältnisse vollkommen unverständlich - selbst für die Korsen. Und im selben Maße, in dem sich die verfeindeten Splittergruppen um Einfluß und Geldkoffer schlagen und sich seit zwei Jahren gegenseitig sogar in tödliche Schießereien verwickeln, verliert der korsische Untergrund den Rückhalt in der Bevölkerung.
"Wir werden die rechtsstaatlichen Verhältnisse auf Korsika mit fester Hand wiederherstellen", pflegt Frankreichs Premier Juppé in letzter Zeit so oft möglich zu verkünden. Das glaubt ihm allerdings kaum jemand - weder auf dem Festland, noch auf der Insel. Zum Einen zweifelt so mancher, daß der Staat mit Gewalt aufräumen könne. "Nehmen Sie das Beispiel der Afghanen. Quasi mit der Schleuder in der Hand haben Sie die modern ausgerüsteten Russen aus Kaboul 'rausgeschmissen. Wenn es hart auf hart ginge, würde es den Franzosen angesichts des perfekt organisierten und hochmotivierten korsischen Untergrundes ähnlich ergehen!", behauptet ein junger Nationalist stolz. Vor allem aber zweifeln die Franzosen am politischen Willen der Regierung. "Die Festnahmen der letzten Zeit sind doch nur Sand in den Augen", meinen aufmerksame Beobachter und stellen fest, daß die meisten Festgenommenen schon wenige Stunden später wieder frei sind. Und wenn Premier Juppé behauptet, die Regierung habe niemals in geheimen Verhandlungen ihre Zustimmung zur Pressekonferenz in Tralonca gegeben, erscheint er den Franzosen noch unglaubwürdiger: 600 Anhänger und Figuranten des "FLNC Canal Historique" hatten sich im Januar dieses Jahres, vermummt und bis zu den Zähnen mit modernstem Kriegsgerät ausgestattet, den Kameras der Journalisten im Maquis von Tralonca gestellt und großzügig einen Waffenstillstand verkündet. Die Polizei habe von dieser Massenveranstaltung angeblich nichts bemerkt...
Die Gründe für diese Kungeleien bleiben den Franzosen als auch der Masse der Korsen schleierhaft. Und auf dem Hintergrund der undurchsichtigen Traktation kursieren die tollsten Gerüchte durch die Straßen von Bastia und Ajaccio. Journalisten und Nationalisten, die sich noch an die "Barbouzes" erinnern, jene terroristischen Gruppen, die in vor allem in der Anfangszeit der FLNC jeden Anschlag mit einem Gegenanschlag beantworteten und dabei staatliche Unterstützung genossen haben sollen, fragen sich laut, ob der Geheimdienst beim Anschlag von Bastia nicht eine Rolle gespielt haben könne. Als die Autobombe im Hafen von Bastia eine Führungskraft der als offizielle Vitrine des "Canal Historique" geltenden Cuncolta Naziunalista tötete und eine weitere Person schwer verletzte, wurden auf recht untypische Weise auch Unbeteiligte gefährdet und damit der kontinentale Zorn gegen die korsischen Vettern erst richtig entfacht. In jedem Fall könne dieser Anschlag die Vendetta-Spirale nur anheizen und die Selbstzerfleischung des korsischen Untergrundes beschleunigen. Von solchen wilden Theorien bekommt der Kontinentalfranzose in den französischen Nachrichten nun denn wirklich nichts zu hören. Er wird statt dessen direkter Beobachter von spektakulären Festnahmen wie jener von Bonifazio, bei der die Eingreiftruppen Fernsehjournalisten im Helikopter mitnahmen. Zwei Tage später waren fast alle Festgenommenen wieder auf freiem Fuß...
(c) Sascha Burkhardt
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