
Das kleine südfranzösische Städtchen Castres mit seinen knapp 47.000 Einwohnern liegt malerisch im Norden der “Montagne Noire”-Berge. Auch wenn es bis zur Großstadt Toulouse keine 100 Kilometer sind, erscheint der Ort mit seinen alten Häusern am Flußufer doch eher wie eine Touristenattraktion am Rande es Zentralmassivs denn wie eine Hightech-Metropole. Ausgerechnet in diesem “provinziellen Nest”, 1200 km von München entfernt, hat SIEMENS ein Pilotprojekt mit dem neuen “Micro Cabeling System” gestartet und die Hardware für ein hochmodernes Datennetz geliefert: in knapp acht Wochen und mit denkbarst geringem Aufwand konnten dank der “MCS”-Technologie 35 Kilometer leistungsfähigster Glasfasern komplett in den Sträßchen des Ortes verlegt werden.
Wirtschaftliches Abseits
Gerade Castres repräsentiert deutlich die kleineren Wirtschaftsräume
abseits der größeren Ballungszentren, in denen unzulängliche
Verkehrsinfrastrukturen durch hochmoderne Telekommunikation kompensiert werden
sollen. Denn auch wenn die Straße nach Toulouse etwas verbessert worden
ist, wird Castres von anderen dynamischen Städten wie Montpellier oder
Lyon durch die südlichen Ausläufer des Zentralmassivs etwas abgeschnitten.
Kleine Landstraßen eignen sich zwar für touristisches Sightsseing,
weniger aber für einen wirtschaftlichen Verkehrsfluß.
Provinzielle Kommunikation
“Was wir nicht an Autobahnen haben, müssen wir eben durch Datenautobahnen
ersetzen”, bestätigt Philippe Tronc, Organisationsdirektor und Leiter der
Informationssysteme bei der Firma “Pierre Fabre S.A.”. Die Firma gehört
zu den größten Arbeitgebern von Castres: von den 7500 Angestellten
arbeiten 1700 ständig in den 18 verschiedenen Fabriken und Verwaltungseinheiten,
die auf dem Stadtgebiet verstreut liegen. “Pierre Fabre S.A.” mit ihren 6,5
Mrd. Francs Umsatz stellt hauptsächlich Kosmetika und Medikamente her,
wobei die Gesellschaft unter den privaten pharmazeutischen Firmen in Frankreich
sogar den zweiten Platz belegt. Und selbst wenn der Firmensitz aus verwaltungstechnischen
Gründen offiziell nach Paris verlegt wurde, werden die Geschicke der Gesellschaft
immer noch vom Gründer Pierre Fabre aus dem “provinziellen” Castres gelenkt.
Ein Grund mehr, in das geplante Glasfasernetz einzusteigen: “Die Vernetzung
der Stadt hat für uns viele Vorteile”, erklärt Herr Tronc. “Zum einen
verbessert sich natürlich die Kommunikation zwischen den einzelnen Fertigungs-
und Verwaltungseinheiten sowie der Zentrale. Dank der hohen Kapazität sind
nicht nur die nackten Daten, sondern auch die erklärenden Berichte und
Grafiken überall sofort greifbar. Zum anderen verbessert sich die Kommunikation
nach außen: das städtische Netz wird über einen Teleport mit
der übrigen Welt und damit auch mit unseren Kunden sowie unseren internationalen
Niederlassungen verbunden. Und selbstverständlich haben wir ein entsprechendes
Interesse an der erhöhten Attraktivität des Wirtschaftsraumes Castres!”
Öffentlich-Private Symbiose
Gründe genug für Pierre Fabre, sich am Projekt “Intermédiasud”
mit 21 Prozent zu beteiligen. Die Städte Castres, Mazamet und Labrugière
investieren aus ähnlichen Gründen insgesamt 63% der Anteile: schließlich
profitiert die Stadtverwaltung nicht nur von der Vernetzung der Verwaltungsgebäude,
sondern auch und vor allem vom Attraktivitätsgewinn. Pierre Schmauch, Generaldirektor
der Stadtverwaltung von Castres: “Wir haben uns von Anfang an dem Projekt beteiligt,
zum einen weil wir uns eine bessere Kommunikation zwischen der Stadt und den
ansässigen Firmen wünschen, und zum anderen, weil die Region
einen perfekten Anschluss zum Rest der Welt haben soll, vor allem über
Internet. Außerdem wollen wir den Bürgern über das Netz den
Zugang zu kulturellen und pädagogischen Multimedia-Diensten ermöglichen.
Wir wollten schnell ein eigenes Hochleistungsnetz, zumal ISDN-Anschlüsse
und gemietete Standleitungen nicht genug Datendurchsatz bringen und zu teuer
sind. Das Mikrokabel bietet uns das beste Preis/Leistungsverhältnis, unter
anderem dank der einfache Verlegung: Tiefbauarbeiten wären zu langwierig,
hätten den Straßenverkehr zu sehr beeinträchtigt und die städtischen
Straßen zudem unwiderruflich beschädigt”
Selbst die örtlichen IHK’s sind mit neun Prozent beteiligt. “Eine der Besonderheiten unseres Projektes ist die Symbiose zwischen privaten Investoren und öffentlicher Hand”, erklärt Thierry Bardy, Direktor von “Médiacastres” und Leiter des Projekts. “Ebenfalls neu ist der föderative Aspekt des Netzes: kleine und mittlere Firmen, Pierre Fabre, Schulen, die Krankenhäuser und die Stadt sind alle an einen gemeinsamen Ring angeschlossen”. Den beteiligten Partnern werden dabei jeweils einzelne Fasern des Kabels zugewiesen. Über einen “Teleport” werden nicht nur auf Wunsch die Verbindungen zwischen den Teilnehmern hergestellt, sondern der Ring wird dort auch per ISDN und Satellit mit dem Rest der Welt verbunden. Diese Anschlußstelle bildet das Bindeglied des Netzes zu Internet sowie zum öffentlichen Fernsprechnetz. “Intermédiasud” wird in Kürze einem oder mehreren Telekom-Operator die Vermarktung dieses Anschlusses übertragen. Der betreffende Kommunikationsgesellschaft bekommt dann das Recht, zum Beispiel für die vom Netz ausgehende Sprachtelephonie eine Verbindung mit dem übrigen Frankreich und dem Ausland herzustellen und die Gebühren dafür abzurechnen.
Universelles IP-Protokoll
Denn nicht nur Daten werden über das Mikrokabel laufen, sondern auch Sprache:
“Auch technisch stellt unser Netz eine Neuheit dar”, erklärt Herr Bardy
stolz. “Wir haben meines Wissens das erste städtische Netz auf der Welt,
das ausschließlich auf dem Internet-Protokoll aufbaut und gleichberechtigt
Daten, Sprachtelephonie und Fernsehen digital per IP über dieses
eine Kabel transitieren läßt. Echtes Multimedia eben, mit Internet
und dessen Anwendungen hundert Prozent kompatibel!” Dementsprechend groß
mußte die Kapazität des Kabels sein.
”Mit dem MCS haben wir eine sehr gute Lösung gefunden, zumal die Verlegung
mit einem sehr geringen Aufwand möglich ist: in acht Wochen wurden 35 km
Kabel und damit 4000 Kilometer Faser verlegt!” bestätigt Monsieur Bardy
und zeigt auf einen kleine vergossene Nut in der Straße vorm Verwaltungsgebäude.
Von der Verlegung der darunter mit über 150 Mb/s rauschenden Hochgeschwindigkeits-Datenbahn
ist äußerlich wirklich kaum etwas zu sehen!
Das von Siemens entwickelte Mikrokabelsystem MCS stellt eine große Innovation auf dem Sektor der Kabelverlegung und damit für den gesamten Telekommunikationsbereich dar. Früher waren sowohl für die Verlegung der klassischen Kupferkabel als auch der Glasfaserkabel umfangreiche, kostspielige und zeitwierige Erdarbeiten erforderlich. Der Straßenverkehr mußte umgeleitet werden und tiefe Schächte ausgehoben werden.
Anders für das Mikrokabel: es besteht aus einem PE-verkleideten Kupfermantel, der den Glasfaserstrang schützt. Erfahrungen aus der Tiefseekabeltechnologie flossen bei der Entwicklung ein und haben das MCS wasserdicht und druckfest gemacht. Für die Verlegung des kaum fingerdicken Kabels muß nur eine knapp zehn Zentimeter tiefe und einen Zentimeter breite Nut in die Fahrbahndecke oder den Gehweg gefräst werden. Direkt in die Nut wird das Mikrokabel eingelegt. Darüber kommt ein Füllstoff als Wärmeschutz, wonach die Nut wieder mit einer Vergußmasse versiegelt wird: fertig.
Für die Verlegung eines Teilstücks
von ein Kilometer Länge wird nur ein Tag benötigt: das ist fast zwanzig
mal schneller als herkömmliche Techniken, wo durch die umfangreichen Bauarbeiten
zudem noch ärgerliche Verkehrsstaus entstehen. Das MCS hingegen läßt
sich hingegen für den Verkehr fast störungsfrei am Gehwegrand
verlegen. Die geringeren Verlegungskosten machen das MCS nicht nur für
kleine Kommunen wie zum Beispiel Castres interessant, sondern auch für
Firmengelände und Industriegebiete. Überall also, wo die bisher üblichen
teuren und oft wenig performenten Mietleitungen schnell und relativ preisgünstig
durch ein leistungsfähiges Netz ersetzt werden sollen.
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