Beitrag von Sascha Burkhardt, erschienen im Magazin  IC world März 1999
Alle Rechte vorbehalten.
 
Hochmoderne Stadtvernetzung mit MCS Photo: MCS statt Kupfer

Das  kleine südfranzösische Städtchen  Castres mit seinen  knapp 47.000 Einwohnern liegt malerisch im Norden der “Montagne Noire”-Berge. Auch wenn es bis zur Großstadt  Toulouse keine 100 Kilometer sind, erscheint der Ort mit seinen alten Häusern am Flußufer doch eher wie eine Touristenattraktion am Rande es Zentralmassivs denn wie eine Hightech-Metropole. Ausgerechnet in diesem “provinziellen Nest”, 1200 km von München entfernt, hat SIEMENS ein Pilotprojekt mit dem neuen “Micro Cabeling System” gestartet und die Hardware für ein hochmodernes Datennetz geliefert: in knapp acht Wochen und mit denkbarst geringem Aufwand konnten dank der “MCS”-Technologie 35 Kilometer leistungsfähigster Glasfasern komplett in den Sträßchen des Ortes verlegt werden.

Wirtschaftliches Abseits
Gerade Castres repräsentiert deutlich die kleineren Wirtschaftsräume abseits der größeren Ballungszentren, in denen unzulängliche Verkehrsinfrastrukturen durch hochmoderne Telekommunikation kompensiert werden sollen. Denn auch wenn die Straße nach Toulouse etwas verbessert worden ist, wird Castres von anderen dynamischen Städten wie Montpellier oder Lyon durch die südlichen Ausläufer des Zentralmassivs etwas abgeschnitten. Kleine Landstraßen eignen sich zwar für touristisches Sightsseing, weniger aber für einen wirtschaftlichen Verkehrsfluß.

Provinzielle Kommunikation
“Was wir nicht an Autobahnen haben, müssen wir eben durch Datenautobahnen ersetzen”, bestätigt Philippe Tronc, Organisationsdirektor und Leiter der Informationssysteme bei der Firma “Pierre Fabre S.A.”. Die Firma gehört zu den größten Arbeitgebern von Castres: von den 7500 Angestellten arbeiten 1700 ständig in den 18 verschiedenen Fabriken und Verwaltungseinheiten, die auf dem Stadtgebiet verstreut liegen. “Pierre Fabre S.A.” mit ihren 6,5 Mrd. Francs Umsatz stellt hauptsächlich Kosmetika und Medikamente her, wobei die Gesellschaft unter den privaten pharmazeutischen Firmen in Frankreich sogar den zweiten Platz belegt. Und selbst wenn der Firmensitz aus verwaltungstechnischen Gründen offiziell nach Paris verlegt wurde, werden die Geschicke der Gesellschaft immer noch vom Gründer Pierre Fabre aus dem “provinziellen” Castres gelenkt. Ein Grund mehr, in das geplante Glasfasernetz einzusteigen: “Die Vernetzung der Stadt hat für uns viele Vorteile”, erklärt Herr Tronc. “Zum einen verbessert sich natürlich die Kommunikation zwischen den einzelnen Fertigungs- und Verwaltungseinheiten sowie der Zentrale. Dank der hohen Kapazität sind nicht nur die nackten Daten, sondern auch die erklärenden Berichte und Grafiken überall sofort greifbar. Zum anderen verbessert sich die Kommunikation nach außen: das städtische Netz wird über einen Teleport mit der übrigen Welt und damit auch mit unseren Kunden sowie unseren internationalen Niederlassungen verbunden. Und selbstverständlich haben wir ein entsprechendes Interesse an der erhöhten Attraktivität des Wirtschaftsraumes Castres!”

Öffentlich-Private Symbiose
Gründe genug für Pierre Fabre, sich am Projekt “Intermédiasud” mit 21 Prozent zu beteiligen. Die Städte Castres, Mazamet und Labrugière investieren aus ähnlichen Gründen insgesamt 63% der Anteile: schließlich profitiert die Stadtverwaltung nicht nur von der Vernetzung der Verwaltungsgebäude, sondern auch und vor allem vom Attraktivitätsgewinn. Pierre Schmauch, Generaldirektor der Stadtverwaltung von Castres: “Wir haben uns von Anfang an dem Projekt beteiligt, zum einen weil wir uns eine bessere Kommunikation zwischen der Stadt und den ansässigen Firmen wünschen, und zum anderen,  weil die Region einen perfekten Anschluss zum Rest der Welt haben soll, vor allem über Internet. Außerdem wollen wir den Bürgern über das Netz den Zugang zu kulturellen und pädagogischen Multimedia-Diensten ermöglichen. Wir wollten schnell ein eigenes Hochleistungsnetz, zumal ISDN-Anschlüsse und gemietete Standleitungen nicht genug Datendurchsatz bringen und zu teuer sind. Das Mikrokabel bietet uns das beste Preis/Leistungsverhältnis, unter anderem dank der einfache Verlegung: Tiefbauarbeiten wären zu langwierig, hätten den Straßenverkehr zu sehr beeinträchtigt und die städtischen Straßen zudem unwiderruflich beschädigt”

Selbst die örtlichen IHK’s sind mit neun Prozent beteiligt. “Eine der Besonderheiten unseres Projektes ist die Symbiose zwischen privaten Investoren und öffentlicher Hand”, erklärt Thierry Bardy, Direktor von “Médiacastres” und Leiter des Projekts. “Ebenfalls neu ist der föderative Aspekt des Netzes: kleine und mittlere Firmen, Pierre Fabre, Schulen, die Krankenhäuser und die Stadt sind alle an einen gemeinsamen Ring angeschlossen”. Den beteiligten Partnern werden dabei jeweils einzelne Fasern des Kabels zugewiesen. Über einen  “Teleport” werden nicht nur auf Wunsch die Verbindungen zwischen den Teilnehmern hergestellt, sondern der Ring wird dort auch per ISDN und Satellit mit dem Rest der Welt verbunden. Diese Anschlußstelle bildet das Bindeglied des Netzes zu Internet sowie zum öffentlichen Fernsprechnetz. “Intermédiasud” wird in Kürze einem oder mehreren Telekom-Operator die Vermarktung dieses Anschlusses übertragen. Der betreffende Kommunikationsgesellschaft bekommt dann das Recht, zum Beispiel für die vom Netz ausgehende Sprachtelephonie eine Verbindung mit dem übrigen Frankreich und dem Ausland herzustellen und die Gebühren dafür abzurechnen.

Universelles IP-Protokoll
Denn nicht nur Daten werden über das Mikrokabel laufen, sondern auch Sprache:
“Auch technisch stellt unser Netz eine Neuheit dar”, erklärt Herr Bardy stolz. “Wir haben meines Wissens das erste städtische Netz auf der Welt, das ausschließlich auf dem Internet-Protokoll aufbaut und gleichberechtigt Daten, Sprachtelephonie und  Fernsehen digital per IP über dieses eine Kabel transitieren läßt. Echtes Multimedia eben, mit Internet und dessen Anwendungen hundert Prozent kompatibel!” Dementsprechend groß mußte die Kapazität des Kabels sein.
”Mit dem MCS haben wir eine sehr gute Lösung gefunden, zumal die Verlegung mit einem sehr geringen Aufwand möglich ist: in acht Wochen wurden 35 km Kabel und damit 4000 Kilometer Faser verlegt!” bestätigt Monsieur Bardy und zeigt auf einen kleine vergossene Nut in der Straße vorm Verwaltungsgebäude. Von der Verlegung der darunter mit über 150 Mb/s rauschenden Hochgeschwindigkeits-Datenbahn ist äußerlich wirklich kaum etwas zu sehen!



Infos MCS:

Das von Siemens entwickelte Mikrokabelsystem MCS stellt eine große Innovation auf dem Sektor der Kabelverlegung und damit für den gesamten Telekommunikationsbereich dar. Früher waren sowohl für die Verlegung der klassischen Kupferkabel als auch der Glasfaserkabel umfangreiche, kostspielige und zeitwierige Erdarbeiten erforderlich. Der Straßenverkehr mußte umgeleitet werden und  tiefe Schächte ausgehoben werden.

Anders für das Mikrokabel: es besteht aus einem PE-verkleideten Kupfermantel, der den Glasfaserstrang schützt. Erfahrungen aus der Tiefseekabeltechnologie flossen bei der Entwicklung ein und haben das MCS wasserdicht und druckfest gemacht. Für die Verlegung des kaum  fingerdicken Kabels muß nur eine knapp zehn Zentimeter tiefe und einen Zentimeter breite Nut in die Fahrbahndecke oder den Gehweg gefräst werden. Direkt in die Nut wird das Mikrokabel eingelegt. Darüber kommt ein Füllstoff als Wärmeschutz, wonach die Nut wieder mit einer Vergußmasse versiegelt wird: fertig.

Für die Verlegung eines Teilstücks von ein Kilometer Länge wird nur ein Tag benötigt: das ist fast zwanzig mal schneller als herkömmliche Techniken, wo durch die umfangreichen Bauarbeiten zudem noch ärgerliche Verkehrsstaus entstehen. Das MCS hingegen läßt sich hingegen  für den Verkehr fast störungsfrei am Gehwegrand verlegen. Die geringeren Verlegungskosten machen das MCS nicht nur für kleine Kommunen wie zum Beispiel Castres interessant, sondern auch für Firmengelände und Industriegebiete. Überall also, wo die bisher üblichen teuren und oft wenig performenten Mietleitungen schnell und relativ preisgünstig durch ein leistungsfähiges  Netz ersetzt werden sollen.
 Andere Beiträge
  Hauptseite